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07.11.2008 01:25
#10
Phänomenologie einer Second life Installation
Der allmähliche Wandel der Accidental Tourist show in Second Life
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Phänomenologie einer ,Second Life’ – Installation       


Die ,Second Life’ - Ausstellung ist einer ständigen Veränderung unterworfen, und weil sie komplex und interaktiv ist, ist es sinnvoll, die Arbeit auf http://slurl.com/secondlife/Odyssey/48/12/22 selbst zu besuchen.
Bilder und Videos der Installation können zwar den einen oder anderen topographischen  (statischen oder dynamischen) Aspekt vorführen, aber nur in einem isolierten und beschränkten Zusammenhang, ohne eine echte Vorstellung zu vermitteln von den Funktionsweisen und den Bewegungsabläufen in den sich unter permantenter Konstruktion befindlichen Räumen.



Früher spielten Symmetrien und Moiré- Muster, die sich auf das frűhe Kino bezogen, eine wichtige Rolle; später bildeten flache schwarze Flächen so etwas wie eine in sich problematische, formal nicht endgűltig gelöste Tiefe; dann wieder traten aus örtlichen Ansammlungen maschinenartige Strukturen hervor  (Getriebe, Räder, Zahnradnocken). Im besten Fall waren das Metaphern, ohne virtuelle oder reelle Wirkung. Die Objekte in der Ausstellung tendieren dazu, sich gegenseitig so lange zu ignorieren, bis sie ein eigenes körperliches Gewicht erhalten. Ein Gewicht haben aber nur die wenigsten Objekte, weil sie sonst dazu neigen, aus der Installation, sozusagen ‘aus der Welt’, hinaus zu purzeln und schlussendlich in Sammelstellen für Fundstücke zu landen.
 
Unterdessen sind die Symmetrien durch ‘fremde’, nicht-repetitive Texturen korrodiert worden, welche eigene Flugbahnen aufweisen und die Moiré-Effekte verhindern (man kann zum Beispiel ganz einfach die Bewegung eines flachen schwarzen Quadrats verfolgen). Es wirkt so, als fielen die symmetrischen Eigenschaften der Objekte und ihrer Ansammlungen auseinander. Fast alle Objekte bewegen sich senkrecht, manche sind miteinander verbunden, einige bewegen sich im Einklang, ander bleiben unabhängig. Hier ist es einfach, vertikal zu fallen, von den Himmels-Objekten zum Boden der Ausstellungshalle und von dort zur Unterwasser-Umgebung unter der Halle. Teleport-Links  bieten an, dich irgendwo hin zu transportieren, oder auch nicht. Genauso gut kannst du auch wieder dort ankommen, woher du frűher aufgebrochen bist, oder dann findest du dich eingesperrt auf einer anderen Ebene wieder. Die ganze Umgebung erscheint ungewiss, und es gibt einen Zusammenhang zwischen der Bandbreite des Internetzugangs und der Menge von Formen, die sich zeigt. Ich baue und weiss nicht, wer was sieht, und manchmal friert mein eigener Computer ein.

 An dieser Stelle will ich damit beginnen, die Installation radikal zu verändern. und wieder lade ich sie ein, die Ausstellung zu besuchen, solange sie noch ihren gegenwärtigen Zustand aufweist. Da die Gegenstände jetzt ein Gewicht bekommen, werden sie wohl fallen und die Oberfläche neu organisieren; ihr Fall kann zu Ansammlungen fűhren, ohne dass die Objekte aus der Welt hinausfallen, zumindest vorläufig noch nicht. Sie sorgen fűr die Entstehung neuer Oberflächen und Räume, in denen man sich zurechtfinden muss. Es ist fast unmöglich, die Dynamik dieser Vorgänge zu dokumentieren, für Kameraaufnahmen fallen die Dinge zu schnell.



Wenn ich nachts schlafe, öffnen sich alptraumartige Räume, die mich, dem Tode nahe, zu zerreissen drohen. Einige dieser Räume zeigen scheinbar reale Umgebungen, die sich ins Virtuelle hinein auflösen. Von hier aus führen die Geleise eines Zuges zu zerfallenen und durcheinander geworfenen Architekturen. Oder das Erwachen trägt mich mitten in eine Welt verstreuter Formen, die so scharf sind,  dass sie den hör- und sichtbaren Ort in Scheiben schneiden.
Laut Dhananjaya: “Ein Rasa ist das, was geniessbar wird durch das Verhalten der Charaktere in einem Drama. Es ist nicht das Ziel des Dramas, sich an den Darstellungen der Charaktere zu erfreuen, denn diese gehören der Vergangenheit an.” (“Sonst”, so der Autor, “ könnte der Zuschauer sich ja noch in die Heldin des Stűcks verlieben”.) Oder anders gesagt: “Die Zuschauer geniessen durch die Ansicht von Charakterdarstellungen zum Beispiel des Arjuna, was sie selbst innerlich fűhlen, so wie  Kinder, die mit Spielzeugelephanten aus Lehm spielen, sich an ihrer eigenen Leidenschaft erfreuen.” (Aus: Adya Rangacharya, Drama in der Sanskrit Literatur, Bombay, Popular Prakashan, 1968.) 

Diese Genusserfahrung ist nicht einfach Vergnűgen an einer Sache, sondern entsteht in einer Diegese, die durch die Abfolge kodierter Schnittstellen konstruiert wird. In  der ,Second Life’ – Installation bleibt das Sonderbare sonderbar, doch lernt man, sich in komplexen Bewegungsabläufen zwischen verschiedenen Ebenen, Formen, Tönen, Räumen und Welten zurechtzufinden.  Und bald, wenn die eigenen Augen zu den Augen des Avatars werden und man sich in seinem/ihrem Körper wohlzufűhlen beginnt,  ist man eingestimmt in eine Rasa-Grundhaltung wie in eine Art Aroma (Eine der Bedeutungen von Rasa ist Geschmack).
In der ‘Second Life' - Installation ist nichts wiedererkennbar, es gibt nur Ecken,  Plateaus und Kreisläufe, die eine Auseinandersetzung erlauben und die man in der Vorstellung bewohnen kann. All diese Räume sind als Kapital eher wackelig, ‘Second Life’ wird regiert durch Austausch, nicht durch Gebrauchswert, und die Dinge drohen ständig auseinanderzufallen. Als einzige Gewissheit ist aber klar, dass Tod und Zusammenbruch hier nicht vorkommen. Was irgendwo dazugehört, bleibt verbunden, wie weit weg es auch immer fallen mag, wie stechend, schwierig und unmöglich seine Landung erfolgt. Tod in ‘Second Life’ ist nie Tod, sondern tatsächlich ein ‘Verlassen’ (passing away): ein Avatar verschwindet, und man mag vermuten, dass im realen Leben etwas parallel zu diesem Ereignis geschehen ist – Krankheit oder Tod oder Desinteresse oder Bankrott – man wird es nie wissen. 



Die Räume der Ausstellung sind formbar, nicht flűssig, sind nicht so sehrfliessende Architektur als fähig zu Verzerrung und Verknűpfung űber Distanz: Dinge können sich sehr wohl synchron bewegen, sogar űber ziemlich weite Distanzen hinweg, als ob Bell’s Theorem plötzlich im Grossen und im Abstrakten in Erscheinung träte. Wenn sich der normative Raum von ‘Second Life’ auffüllt, wandelt er das Avatar, das sich in ihm befindet, mit um. Grenzverläufe sind nicht länger klar bestimmt oder nicht einmal mehr erkennbar. Ich stelle mir hier eine Chora nach Kristevas Definition vor,  Partialobjekte und prälinguistische Elemente prägen die Schau, als ob ihr die  Geburt der Sprache bevorstűnde und schon in ihr enthalten wäre. Doch die Geburt findet nie statt; die Chora bleibt im Zustand eines Gelächters oder Schreis oder Orgasmus’ oder sogar des freien Falls. Man wird entkleidet, und die Bilder, so wie sie die 3D-Formen bedecken, sind oft sexualisiert – Penisse, Brüste, Ringe, Gesichter in Schmerz oder Ekstase, posierende Schaufensterpuppen, als stellten sie einen Tanz dar eines fossilienhaften Begehrens. Man vermutet eine fremdartige Choreographie hinter allem, mit einer Welt wie in Plato’s Höhle, die sich umkehrt, von den virtuellen Schatten weg zurück zum beobachtenden und teilnehmenden Körper auf dem feuchten Boden. Die Fremden sind wir natürlich selber, und unser Selbst ist das Fremde, von der Chora zum Chiasmus.

‘Rasa’ ist der aromatische Beigeschmack von all dem, der Geschmack oder Geruch des aufgeklärten, des gebildeten Publikums, das bereits durch die Fremdartigkeit der Ausstellung zur inhärenten Organik vorgedrungen ist, die sich als Fleisch und Gewebe ausgeben kann. Ich denke mir den Raum selbst als Avatar,  als Avatar – Körper, als Chora, Gebärmutter, Phallus, als Adverb.  Ich stelle mir diesen Raum vor, wie er seine ziel- und ursprungslosen Vektoren verschwenderisch verstreut, und wie wir hindurchsausen, um inmitten von Kreisen, inmitten einer Zirkulation zu landen.

All dies aber verlangt, dass sich der Besucher Zeit nimmt, wie es fűr jedes Lesen von Zeichen Zeit braucht und erst recht fűr das Schreiben und Verschwinden von Zeichen in Himmel und Wasser und im Innern der Erde. Man muss in den Raum hineintreten, ihn hinauf- und hinuntersteigen und muss sich von der Vielfalt der Welten einfangen lassen, auch vom Rauch der Katastrophe, von der katastrophischen Industrialisierung und der Zerstörung von Familien, Sprache und Erscheinungen, die immer schon in Auflösung begriffen sind. Zweifellos, die Welt kommt und geht, schreitet weiter während wir vergehen, und bereits eine Minute nach unserem Tod hören wir keine Stimme, sehen wir keine Sonne, lesen wir keinen Börsenbericht mehr.



 
 
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