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12.01.2009 12:46
#28
KALACHAKRA MANDALA
Eine virtuelle Reise durch den
Kalachakra-Kosmos und den
Mandala-Palast auf dem Gipfel
des Mount Meru.
Die meisten Mandalas sind zwei-dimensionale Repräsentationen eines räumlichen Konzeptes: ein Palast voller Gottheiten, vor dem die Gläubigen meditieren sollen.
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KALACHAKRA MANDALA

Eine virtuelle Reise durch den
Kalachakra-Kosmos und seinen
Mandala-Palast auf dem Gipfel
des Mount Meru


3D-ANIMATION
von Martin Brauen & Peter Hassler

Flash streaming 640 x 480 (43 MB)

Flash streaming 480 x 360
(26 MB)

mp4 320 x 240
(18 M)
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Wörter in Bilder übersetzen


Der tibetische Buddhismus setzt in einer Intensität wie keine andere Form des Buddhismus und wie kaum eine andere Religion Bilder zur Vermittlung tiefster religiöser Wahrheiten ein. Da diese Bilder häufig Mängel oder gar Fehler aufweisen, wenn sie mit den ihnen zugrundeliegenden Texten verglichen werden, und weil manchmal nur schriftliche Beschreibungen dieser Visualisationsbilder vorliegen, wurde am Völkerkundemuseum der Universität Zürich der Versuch unternommen, mit Hilfe neuester Computertechnologie Wortsprache in Bildsprache zu übersetzen. Der folgende Text ist ein Plädoyer für die Übersetzung in Bilder – auch in den Geisteswissenschaften.

von Martin Brauen

Weshalb erscheint in unzähligen Büchern und Artikeln über Psychologie, Geschichte, Sprachen, Religion usw. keine einzige Zeichnung, Grafik oder Fotografie? Wie kommt es, dass angehende Wissenschafter zwar angehalten werden, mit Wörtern differenziert umzugehen, sie jedoch nie lernen, sich mit Bildern auszudrücken oder Texte in Bilder zu fassen, auch dann nicht, wenn sich eine grafische Umsetzung geradezu aufdrängt, beispielsweise bei der Beschreibung und Analyse räumlicher Gegebenheiten? Weshalb werden Bilder so selten in den diversen Wissenschaften als Ausdrucksmittel für die Darstellung von Fakten, Zusammenhängen und Erkenntnissen angewandt?





Auf diese Fragen gibt es eine einfache Antwort: Weil in der wissenschaftlichen Welt – vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften – das geschriebene Wort alles gilt, das Bild jedoch nur wenig bis gar nichts. Nur das Wort sei unbestechlicher Wahrheitsvermittler – so die weitverbreitete Meinung –, das Bild gehöre einer mythischen, primitiven und vorrationalen Zeit an und sei unzuverlässig und ungenau – eine falsche Ansicht, wie die Forschung, über die hier berichtet wird, belegt.

Reiche Bildersprache des tibetischen Buddhismus


Die tibetische Version des Buddhismus arbeitet eingehend mit Meditationsmethoden, in denen Visualisationen – bildliche Schöpfungen von Gottheiten und Symbolen – eine zentrale Rolle spielen. Diese Visualisationen werden zwar bis in kleinste Details in Texten beschrieben, sie lassen sich jedoch aufgrund der geschriebenen (oder gesprochenen) Texte nur schwer in Bilder umsetzen beziehungsweise «übersetzen», da es sich dabei oftmals um sehr komplexe Gebilde handelt.

Die Tibeter selbst haben schon früh begonnen, bildliche Darstellungen solcher Visualisationen anzufertigen, doch weisen diese – trotz zum Teil meisterhaftem Können – Unzulänglichkeiten auf: Visualisationen sind Produkte des Bewusstseins, sind Geistgebilde, während die Farben und Materialien, mit denen die Visualisationen nachgebildet werden, der Welt der Materie angehören. Wie soll ein transparenter in Regenbogenfarben schillernder Körper mit herkömmlichen Materialien imitiert werden?





Viele wissenschaftliche Publikationen scheinen auf den ersten Blick die reiche Bilderwelt des tibetischen Buddhismus gebührend zu berücksichtigen. Bei einer genaueren Analyse dieser Bücher stellt man jedoch fest, dass in ihnen die tibetischen Bilder zwar bis in kleinste Details beschrieben werden – welche Figuren zu sehen sind, welche Embleme diese halten, welche Farben sie aufweisen usw. Aber nur in äusserst seltenen Fällen wird in ihnen die Struktur, die «Grammatik» der tibetischen visuellen Codes, analysiert und aufgezeigt, dass den tibetischen Bildern ein spezifisches Weltbild und eine eigene Perspektive zugrunde liegen.

Mit dem Computer Bilder übersetzen

In den vergangenen Jahren habe ich zusammen mit Computerfachleuten begonnen, die Bilderwelt des tibetischen Buddhismus zu dekodieren und Bildbeschreibungen in wissenschaftliche Bilder zu übersetzen. Konkreter Forschungsgegenstand waren tibetische schriftliche und mündliche Beschreibungen sowie traditionelle Bilder aus der Tradition des Kâlacakra-Tantra.

Bei einem Vergleich der schriftlichen tibetischen Quellen mit tibetischen und westlichen Bildumsetzungen derselben Inhalte stellte ich viele Diskrepanzen und «Übersetzungsfehler» fest. Zudem fiel auf, wie schwierig, ja oftmals unmöglich es war, nach dem Lesen einer Beschreibung eines komplexen räumlichen Gebildes dieses effektiv vor sich zu sehen, es zu visualisieren. Aus diesem Grunde beschlossen wir, die schriftlichen und zum Teil mündlichen Beschreibungen des Mandala und des Kosmos gemäss der Kâlacakra-Tradition mit Hilfe eines CAD-Programms, das dreidimensionales Zeichnen erlaubte, mit dem Computer aufzuzeichnen.





Das Resultat waren massstabgetreue Modelle des Kosmos und des Mandalapalastes. Modelle, welche den sprachlichen Beschreibungen bei weitem überlegen waren: Die vielen Teilbilder in Form von unzähligen Detailinformationen bezüglich Grösse, Abstand, Form von Linien, Flächen und Körpern fokussierten sich zu einem äusserst facettenreichen Gesamtbild, das nach Belieben – und gleichsam auf Tastendruck – wieder in eine Vielzahl beliebiger Teilbilder zerlegt werden konnte.

Ein weiterer wesentlicher Vorteil der Umwandlung in 3-D-Computerbilder bestand darin, dass die Bilder zum Teil zu neuen Erkenntnissen und Informationen führten, die aufgrund der Texte nicht zu erkennen waren. Dies war vor allem dann der Fall, wenn die in den Texten erwähnten Korrelationen zwischen Kosmos, Mensch und Mandalapalast analysiert wurden und sich plötzlich neue, in den Texten nicht beschriebene Korrelationen ergaben (siehe Abbildungen 8 und 9), oder wenn ein in den Texten nicht erwähnter Blickwinkel gewählt wurde.

Verfeinerung der Bildübersetzung

Die anfängliche Umsetzung in Bilder wies Mängel auf, da die damalige Software nur eine Art Skizzen, nämlich das Zeichnen von Drahtmodellen, erlaubte. In einer zweiten Phase bearbeitete Peter Hassler die Daten der ersten Generation mit Hilfe des Autodesk-3-D-Studios (Ausgabe 3.0) sowie einigen weiteren graphischen Programmen weiter: Den einzelnen Objekten ordneten wir Farben, Helligkeit und Sättigung, Grad der Transparenz und einige weitere Parameter zu, schufen eine virtuelle Beleuchtung in Form mehrerer Lichtquellen und positionierten eine – ebenfalls virtuelle – Kamera in diesem fiktiven Kosmos.

In einem dritten Schritt wurden diese neuen Daten für eine Computeranimation aufgearbeitet, wodurch die räumlichen Relationen im Kosmos, zwischen Kosmos und Mandala sowie innerhalb des Mandalapalastes besser als durch eine gesprochene oder geschriebene Beschreibung erfasst werden konnten.





Die Animation zeigt zuerst den Kâlacakra-Kosmos von oben. Deutlich sichtbar sind die 12 Windbahnen, auf denen sich die Planeten bewegen (Abbildungen 1, 2, 5). Die Kamera bzw. die betrachtende Person bewegt sich dann kreisförmig um den Kosmos (Abbildung 5), nähert sich dem Süd-Kontinent Jambudvîpa, wo sie landet, nach oben zu den Planetenbahnen schaut und dann dem Berg Meru entlang nach oben steigt, über den Bergrand hinaus bis genau über die Mitte des Berges Meru. Mit grosser Geschwindigkeit nähert sich die Kamera dem Mittelpunkt der runden Bergoberfläche, wo das Kâlacakra-Mandala liegt (Abbildung 3). Aus dem zweidimensionalen Mandala wächst der dreidimensionale Mandalapalast empor und um diesen herum eine durchsichtige Vajra-Schutzglocke (Abbildung 6). Während sich der Palast um seine eigene Achse dreht, werden nacheinander ein Mensch und ein Modell des Kâlacakra-Kosmos in der Palastmitte eingeblendet, die Korrelationen zwischen Mensch (innerem Mandala), Universum (äusserem Mandala) und Mandalapalast aufzeigend (Abbildung 9).

Weder Worte noch Bilder

Am Schluss nähert man sich auf der virtuellen Reise durch den Kosmos dem Palast und gelangt über den Körper- und den Sprachbereich ins Zentrum im Geistbereich des Palastes, wo Kâlacakra und Visvamata stehen, die sich am Schluss auflösen – in die eigenschaftslose Leere, wo weder Worte noch Bilder existieren...


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Dieser Artikel wurde erstmals veröffentlicht in:
Unimagazin. Die Zeitschrift der Universität Zürich


 
Kommentare zu diesem Beitrag
 

15.04.2010 17:55
Kommentar von Scott Bodenheimer
Really fascinating, a memory palace. I wonder if it arose as a mnemonic device independently or was inspired by Buddhists who interacted with Hellenistic philosophers in ancient Afghanistan, and then taught the memory palace technique in Tibet.

03.08.2014 19:13
Kommentar von Renzi Giancarlo
This is an incredible good job that could help all practitioners to better visualize the Kalachakra Mandala during the practice!
Thank you a lot