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02.02.2009 18:57
#31
Im Stadion
Heideggers Medien der Topologie
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Im Stadion. Heideggers Medien der Topologie

von Christina Vagt

1951 liefert Martin Heidegger den auf einer Tagung in Darmstadt anwesenden Architekten und Philosophen eine kurze Geschichte der Topologie. Sie erstreckt sich vom griechischen stadion, das in der Antike sowohl den Ort der Spiele für Götter und Sterbliche als auch ein griechisches Längenmaß von olympischen 192m angab bis zum allgemeinen Feldtheorem der Physik.

Die Einheit aus Wort und Ding, aus mathematischer Einheit und Ort geht bereits früh mit der lateinischen Übersetzung zu spatium verloren, und der Raum wird von allen gemeinschaftlichen und religiösen Implikationen abstrahiert: spatium bezeichent einen leeren „Zwischenraum“. (1)  Ist der Raum erstmal als „reiner Abstand“ zwischen den Dingen, als bloßes spatium gefasst, ist er bald bloß noch extensio, und im nächsten Schritt sind wir mit Heidegger bereits in der mathematischen Topologie des 19. Jahrhunderts, bei Bernhard Riemann und „der rein mathematischen Konstruktion von Mannigfaltigkeiten mit beliebig vielen Dimensionen.“ (2) 
Heideggers philologische Lektion über das Stadion adressiert die Architektur der frisch gegründeten BRD. Die Tagung „Mensch und Raum“ wurde anlässlich einer Ausstellung in Darmstadt abgehalten, die in der Sektion „Räume der Bildung“ auch Fotografien dreier Stadien zeigte: Nürnberg und Wien, beide 1927 nach den Entwürfen von Otto Ernst Schweizer gebaut und das 1936 von Werner March gebaute Olympiastadion in Berlin. Otto Ernst Schweizer hält einen eigenen Vortrag über Städtebau, der vom Hippodamischen Raster im antiken Griechenland bis zum eigenen Stadionbau in Nürnberg eine Fortschrittsgeschichte des öffentlichen Bauens ohne jeden politischen Bezug erzählt. (3)  Demgegenüber spricht Heidegger in seinem pastoralen Singsang am Sonntagmorgen um 10.00 Uhr von einer Verfallsgeschichte des Wohnens, durchaus im Rückgang auf zwei Weltkriege und Industrialisierung – aber ebenfalls unter völliger Aussparung der jüngeren NS-Stadien-Geschichte. 

Die Topologie von Mensch und Raum wird von Heidegger mit dem Begriff des „Wohnens“ als eine geschichtlich und medial wandelbare Ontologie verhandelt, ablesbar an Brücken, Kraftwerken und Stadien. Raum wird nicht mehr / noch nicht als von Handlung getragene Beziehung zwischen Menschen und Dingen (griech. pragmata) verstanden, sondern als „bloße Abständigkeit“ begriffen. Das Wohnen als vom Ort gedachter Weltentwurf bedeutet gleichsam eine philosophische Aufwertung der Architektur und damit auch ihrer Verantwortung – die Architektur baut mit am Haus des Seins. (4)
Die Tonaufnahmen und Protokolle von Heideggers Rede enthalten keine Zwischenrufe, auch keine im Anschluss erwartbaren Fragen. Bis auf ein Paar offene Architektenohren scheint sie ungehört verklungen zu sein: In der an Heideggers Vortrag anschließenden Diskussion pariert Hans Scharoun die Anfeindung durch den Reichsautobahnbrückenbauer Paul Bonatz, seine strukturalistische Architektur „zerdenke“ das Bauen, mit Heideggers topologischer Reflexion über den Raum als etwas Eingeräumtes. (5)
Sharoun findet in Heideggers Vortrag die Position des eigenen Bauens wieder, das nach einer organischen Verbindung von Landschaft und Architektur strebt und ebenfalls eine topologische, strukturalistische Position bezieht. Die Architektur ist (wie die Gemeinschaft) nach  Sharoun nicht von der Addition, der Fläche oder vom Territorium abzuleiten, sondern soll vom Raum des Individuums her gedacht werden, wie er sich aus „Kräftepunkten und Zeitzuständen“ jeweils lokal ergibt – auch Sharoun bedient sich der physikalischen Feldmetapher.
Ausgerechnet im prosperierenden Deutschland der Adenauer-Ära, in dem die Deutschen nichts mehr pflegen als den Rückzug ins Private redet der just rehabilitierte Heidegger von „Wohnungs- und Heimatlosigkeit“. Bereits im „Brief über den Humanismus“ von 1946 setzt sich Heidegger explizit von den Begriffen des Lebens und der Anthropologie ab; stattdessen intoniert er ein vergessenes „Wohnen“ als „Aufenthalt bei den Dingen“, von Göttern und Sterblichen. (6)  Mit dem Begriff des „Ge-stells“ kritisiert er gleichsam eine wissenschaftlich-rationalisierte und technisch-medialisierte Welt, deren größte Not die „Wohnungslosigkeit“, der Verlust der „Dingheit“ ist. Die Geschichte des Wohnens ist für Heidegger auch eine Mediengeschichte: auf das Stadion folgt der Buchdruck, und auf den Buchdruck das Fernsehen.

1966 spricht Heidegger im Gespräch mit Der Spiegel von seiner Angst vor den ersten elektronischen Bildern, die gerade vom Mond zur Erde gefunkt wurden.
„Es funktioniert alles. Das ist ja gerade das Unheimliche, daß es funktioniert und daß das Funktionieren immer weiter treibt zu einem weiteren Funktionieren und dass die Technik den Menschen immer mehr von der Erde losreißt und entwurzelt. Ich weiß nicht, ob Sie erschrocken sind, ich bin jedenfalls erschrocken, als ich jetzt die Aufnahmen vom Mond zur Erde sah. Wir brauchen gar keine Atombomben, die Entwurzelung des Menschen ist schon da. Wir haben nur rein technische Verhältnisse.“ (7)
Die „totale Entwurzelung“ des Menschen brauche keine Atombombe, sondern findet schon statt im televisionalen Bild, das jegliche Ferne vernichtet. Und so sind auch die per Funk übermittelten Bilder amerikanischer Raumsonden vom Mond zur Erde 1966 kein Fenster zum Mond, sondern Ausdruck des Ge-stells, das hier als telegenes und biopolitischen Kontrollregime operiert und einen Ereignisraum namens Weltraum herstellt.
Heideggers Furcht vor der Fernsehapparatur kennt nur eine Ausnahme: Fußball. Als alter Mann sieht er sich gerne Europapokalspiele im Fernsehen an und ist bekennender Fan von Franz Beckenbauer und dessen „gefühlvoller Ballbehandlung“. (8)
Mit Heidegger und einer kleinen Mediengeschichte der Fußball-Live-Übertragung befinden wir uns allerdings nicht mehr in Foucaults Epoche des Raums, des Simultanen, des Nahen und Fernen, der Juxtaposition, (9)  sondern im Spiel-, Ereignis- und Wahrscheinlichkeitsraum und der Epoche der Simulation. Medial gesprochen ist das Stadion längst Teil des Fernsehdispositivs.

1925 lässt die Lockerung der Abseitsregel Fußball überhaupt erst radiotauglich werden – übertragbar im Sinne einer rein akustischen Live-Berichterstattung, die das Spiel durch die Synchronisation der Reporterrede mit der Geräuschkulisse des Stadions ereignisreich in die heimischen Wohnzimmer übertragbar werden ließ. Das Spiel wird schneller und torreicher. (10)
Das Bild, das der Zuhörer vor Augen hat, wird im Radio rhetorisch-medial evoziert. Da begnadete Fußballreporter jedoch genauso selten sind wie begnadete Fußballspieler, wurde die Kontrolle über das Bild im Kopf des Zuschauers sehr bald in den Bereich optischer Telemedien überführt.
Erste Versuche wurden in England mit Koordinatensystemen durchgeführt, auf denen die Radiohörer durch die Ansage der Spieler- und Ballkoordinaten die Spielzüge auf dem heimischen Wohnzimmertisch nachziehen konnten. Die Radio Times der BBC veröffentlichte das erste Spielfelddiagramm für das Spiel Arsenal gegen Sheffield United am 22. Januar 1927. Der Moderator H.B.T. Wakelan beschrieb die Aktionen, während sein Assitent C.A. Lewis die Zahlen der Quadranten durchgab, in denen sich der Ball befand. (11)

 

Aber Fußball ist kein Schiffeversenken. Der Spielraum entsteht erst im Spiel, zwischen den Grenzen des Spielfeldes, den Verteilungen der Spieler und der Dynamik des Balls. Und so wird das Bewegungsbild selbst der Rasterung unterzogen, in Zeilen zerlegt, als Signal auf eine elektromagnetische Trägerwelle moduliert, und gemeinsam mit dem Reporterwort übertragen.

1936 nimmt das Fernsehen in Deutschland seinen Betrieb auf. Während der Olympiade wird live aus dem Berliner Stadion gesendet, täglich von 10-12 und 15-19 Uhr. Die Fernehzuschauer sitzen mangels eigenem Fernseher nicht zuhause sondern in den ca. 25 öffentlichen Berliner Fernsehstuben, das public viewing erfreute sich bereits während dieser Veranstaltung äußerst großer Beliebtheit, die Reichsrundfunkgesellschaft zählte während der Spiele 162 228 Zuschauer. Bei manchen Veranstaltungen war es schwieriger, einen Platz vorm Fernseher als im Stadion zu ergattern, was sowohl finanzielle wie optische Gründe gehabt haben mag, denn trotz kleiner und verrauschter Bildschirme soll der visuelle Eindruck von mehreren Kameras und Teleobjektiven den Sichtmöglichkeiten im riesigen Stadion überlegen gewesen sein. (12)
Problematisch war neben der noch unsystematischen Fernsehtechnik die Synchronisation von Kommentar und Kamerabild. Der Kameramann konnte zwar per Kopfhörer dem Kommentar des Reporters folgen, umgekehrt hatte der Reporter aber keinen Kontrollmonitor zur Verfügung. Daher kam es zum Leitwesen des Propagandaministeriums immer wieder zu verbalen Auseinandersetzungen zwischen Bild und Ton, und das Fluchen des Kameramannes fand seinen Weg in die Sendung. (13)   
Was 1936 in Berlin erstmals trotz schlechter Standards erfolgreich erprobt wurde, die Verwendung von Stadien als Fernseh-Studio, wird nach dem Zweiten Weltkrieg fortgeführt. Was als Simultanitäts- bzw. Synchronisationsproblem begann, untersteht heute einem Simulationsdispositiv. Das Stadion als gemeinschaftsstiftender Ort der Sportberichterstattung nimmt immer mehr die Form eines green screens an, ist eigentlich Bestandteil des Fernsehstudios und im Fernsehen von diesem auch kaum mehr zu unterscheiden.




2008 ermöglichen die reinen Fußballstadien, wie sie während der Europameisterschaft
in Österreich und der Schweiz zu sehen waren, und die in ihrer Form auch schon aus
der Vogelperspektive deutlich vom Rechteck des Rasens, bzw. des Monitors geprägt
sind, eine besondere Nähe der Zuschauer zum Feld und im televisionalen Bild die
Auflösung der Spielfeldgrenze.




Bei manchem Eckstoß sind Spieler, Fans und Kameramänner, also die funktional
getrennten Gruppen im Stadion nicht mehr deutlich zu unterscheiden.



Keine Laufbahn trennt Spieler und Zuschauer, so dass diese Fußballstadien neue
Formen sozialer Inszenierung im Fernsehen ermöglichen, wie etwa das Herumtragen
von Spielerkindern oder unmittelbarer Körperkontakt mit den Fans nach einem Tor.



Moderner Stadionbau, weiß Klaus Theweleit, versucht die Erfahrung solcher Nähe zu steigern, (14) aber die jüngste Olympiade in China bewies eigentlich das genaue Gegenteil. Denn hier wurde deutlich, wie wenig Fußball ohne die sichtbare Nähe der Fans im Fernsehen funktioniert.



Das gigantische Stadion von Peking taugt nicht für Fußball – zu groß ist der Abstand zwischen Spielfeld und Zuschauer. Die Olympischen Spiele und ihre Stadien sind noch immer stark auf Leichtathletik (und Politik) konzentriert. Die Kamera behält beim 100m-Lauf gebührenden Abstand und den Überblick, selbst wenn jemand wie Usain Bolt so extra-terrestrisch schnell läuft, dass er das Ereignis des eigenen Sieges kaum selbst er-äugen kann.



[ Video Usain Bolt >> ]


Auch die Wahlveranstaltungen der amerikanischen Präsidentschaftskandidaten in den Mega-Stadien wie Denver setzten weniger auf Nähe denn auf Distanz und Volksmasse.



Erst die Moderne, so Peter Sloterdijk, habe echte kooperative Spiele, Mannschaftsspiele, entwickelt und darin eine neue soziale Idee zum Ausdruck gebracht: „Der moderne Fußball, mit seiner Faszination durch das rollende Objekt, ist ein Fortuna-Kult moderner Art. Der Ball steht für eine Ungerechtigkeit, die wir nicht entbehren wollen: die Ungerechtigkeit des Glücks.“ (15)
Dass sich das Problem der „verlorenen Gemeinschaft“ und der „Rückzug des Politischen“ mit dem modernen Fußball nicht erübrigt, weiß die neuere Philosophie sehr wohl. (16) Das „Zusammen-sein im Spektakel“ ist Teil des Ge-stells. Im televisionalen Dispositiv der Live-Berichterstattung verschwindet die angebliche Differenz des (antiken) Humanismus zwischen „der vermenschlichenden, geduldig machenden, besinnungsstiftenden Lektüre“ und „dem entmenschenden, ungeduldig aufbrausenden Sensations- und Berauschungssog in den Stadien.“ (17) Politische Zäsuren und Kontinuitäten zeigen sich unter televisionalen Bedingungen gleichermaßen.

1954 wird Deutschland nach dem 3:2 in Bern Fußballweltmeister und die Fans im Stadion stimmen wie in den Spielen zuvor die faschistoide erste Strophe des Deutschlandliedes an. Den entsetzen Europäern bleibt nichts weiter übrig, als die Übertragung des Spiels zu unterbrechen. Das Spiel geht trotzdem als Mythos in die Gründungsgeschichte der BRD ein. (18)



________________________________

(1)  Spatium bezeichnet im Buchdruck den Bleisatz für eine Leerstelle. Das Stadion übernimmt für das Bauen eine ähnliche Funktion, wie der Buchdruck und die Schreibmaschine für das Schreiben: es medialisiert die Situation und heterotopologisiert den Raum.
(2)  Heidegger, Bauen Wohnen Denken, S. 150. Vgl. Bernhard Riemann, Über die Hypothesen, welche der Geometrie zugrunde liegen (1854), in: ebd. Gesammelte mathematische Werke, 1990, S. 304-319.
(3)  Vgl. Otto Ernst Schweizer, Die architektonische Bewältigung unseres Lebensraumes, in: Mensch und Raum. Das Darmstädter Gespräch 1951, S. 65-73.
 (4)  Wohnen ist immer schon ein Aufenthalt bei den Dingen. Brücken und Stadien sind Bauten, aber keine Wohnungen; sie „stehen“ aber im Bereich des Wohnens. Die Bauten behausen den Menschen – und er bewohnt sie. Vgl. Heidegger, Bauen Wohnen Denken, S. 139 u.152f.
(5)  Vgl. Sharouns Replik, in: Mensch und Raum, S. 113.
(6)  Vgl. M. Heidegger, Brief über den Humanismus (1946), in: ebd., Wegmarken (GA 9), Frankfurt a. M. 1976, S. 319.
(7)  Heidegger im Gespräch mit Der Spiegel, 23.09.1966.
(8)  Vgl. Rüdiger Safranski, Ein Meister aus Deutschland. Heidegger in seiner Zeit, Frankfurt a. M. 2001, S. 472.
(9)  Vgl. Michel Foucault, Andere Räume, in: Karl Heinz Barck u.a. (Hg.), Aistheis, Leipzig 1990, S. 34.
(10)  Vgl. Bernhard Siegert, Ein höheres Walten des Wortes, in: Matías Martínes (Hg.), Warum Fußball? Kulturwissenschaftliche Beschreibungen eines Sportes, Bielefeld 2002, S. 137.
(11)  Vgl. BBC Radio Times, 22.01.1927; der Manchaster Guardian brachte am folgenden Montag, d. 25.01.1927 eine positive Kritik der Radio-Diagrammatik.
(12)  Vgl. Heiko Zeutschner, Die braune Mattscheibe. Fernsehen im Nationalsozialismus, Hamburg 1995, S. 139ff.
(13)  Ebd., 128f.
(14)  Klaus Theweleit, Fußball und Gewaltabfuhr, in: Winfried Nerdinger (Hg.), Architektur und Sport: vom antiken Stadion zur modernen Arena, Wolfratshausen 2006, S. 141-151.
(15)  Peter Sloterdijk, Spielen mit dem, was mit uns spielt. Über die physischen und metaphysischen Wurzeln des Sports zwischen griechischem Stadion und römischer Arena, in: NZZ online vom 14.Juni 2008.
(16)  Vgl. Jean-Luc Nancys Arbeiten zur Gemeinschaft, insbesondere Ebd., Singulär plural sein, Berlin 2004, S. 86f.
(17)  Peter Sloterdijk, Regeln für den Menschenpark, S. 4.
(18)  Vgl. Arthur Heinrich, 3:2 für Deutschland. Die Gründung der Bundesrepublik im Wankdorf-Stadion zu Bern, Göttingen 2004, S. 100.







 
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