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04.11.2008 16:02
#5
JENSEITS DER GRENZEN
Filmausschnitte zur Überwindung der raum-zeitlichen Ordnung.
Kleine filmhistorische Feldforschung
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JENSEITS DER GRENZEN

Die Überwindung der raum-zeitlichen Ordnung (20 Filmausschnitte)


Ein kleines Mädchen fällt aus seinem Bett und verschwindet durch die Wand hinter dem Bett in die vierte Dimension. Nur mit Mühe kann es in den Lebensraum seiner Eltern zurückgeholt werden. Little Girl Lost ist eine Episode der amerikanischen Fernsehserie The Twilight Zone aus dem Jahr 1962. Gut dreissig Jahre später nimmt die Fernsehserie The Simpsons die Idee von Little Girl Lost auf, nur fällt hier die Zeichentrickfigur Homer nicht in die vierte Dimension, sondern aus der zweiten Dimension der Zeichnung in die dritte der 3D-Computergrafik, um schliesslich in der real-räumlichen Lebenswelt der Menschen zu landen. Vierdimensionale Hyperräume lassen sich in der höheren Mathematik und Physik nachweisen, unserer direkten Erfahrung sind sie aber nicht zugänglich.

Heute wird die vierte Dimension häufig mit der Zeit gleichgesetzt und der 4-D-Raum mit dem Begriff Raum-Zeit. Soweit gehört Albert Einsteins Relativitätstheorie (1905/1916) zu unserer Allgemeinbildung. Die Verlangsamung der Zeit durch schnelle Bewegung begünstigt die Phantasie der Zeitreise. Als literarisches Motiv taucht die Zeitreise bereits im späten 19. Jahrhundert auf, im Film erstmals um 1960. Chris Markers filmischer Fotoroman La Jetée (1962) steht am Anfang. Ähnlich melancholisch tritt das Motiv sechs Jahre später wieder in einer Schlusssequenz von Stanley Kubrick's 2001: A Space Odyssey auf, während Terry Gilliams Twelve Monkeys die Vorlage aus La Jetée in die Hollywood-Ikonographie der 90er Jahre übersetzt. Bereits Gilliams Time Bandits (1981) hatte das Motiv der Zeitreise in märchenhaften Bildern durchgespielt, und auch in populären Filmen wie The Terminator, Contact, The Fifth Element und The Thirteenth Floor spielt sie eine Schlüsselrolle.

Als Hintergrund für die Idee der Ent- und Rematerialisierung an einem anderen Ort, in einer anderen Sphäre, in einer anderen Zeit, lassen sich verschiedene kulturgeschichtliche Anregungen vermuten, angefangen bei den Schamanenreisen, bei Platons Ideenlehre, der Jüdischen Mystik der Kabbala oder der christlichen Transsubstantiationslehre des Abendmahls. Andrei Tarkovskys Film Stalker (1979) verknüpft solche mystisch-philosophischen Reflexionen mit der Wahrheitssuche seiner Filmfiguren, die sich in einem mit kryptischen Regeln belegten Gelände, der "Zone", nah am Abgrund der eigenen psychischen Verfassung bewegen. Auch Darren Aronofskys Film Pi (1998) führt in einen magischen Grenzbereich, in dem sich Computertechnik, kabbalistische Zahlenmystik und paranoische Schrecken zu einem subjektiven Drama verbinden.

Seit den 90er Jahren führt das Digitalzeitalter zu einem neuen Verständnis der Materie. Die Konsistenz des Körpers ist nicht mehr durch seine Atome bestimmt, sondern durch einen Code, der sich in alphanumerische Zeichen übersetzen lässt. Aus der Materie lässt sich ein Muster von Daten herauslesen, etwa das Genom eines organischen Körpers oder das Digitalisat einer analogen Aufzeichnung. Avancierte Technik soll es in naher Zukunft erlauben, aus solchen Codes wieder materielle Erscheinungen entstehen zu lassen. Das sogenannte Beamen in der Fernsehserie Star Trek (1962) funktioniert dank solcher De- und Rematerialisierung, auch wenn hier noch nicht von Codes, sondern von Strahlen die Rede ist, und obwohl das Verfahren an einen apparategestützten Zaubertrick erinnert.

Zwanzig Jahre nach Star Trek führt Steven Lisbergers Film Tron (1982) als erster Science Fiction-Film die Dematerialisierung eines Menschen durch seine Digitalisierung vor. Im Film The Fifth Element von Luc Besson kommt bildhaft ein hybrides Hightech-Verfahren zur Rekonstruktion eines Menschen aus einem Körperfragment zur Anwendung, während in David Cronenbergs Film eXistenZ ein sogenannter "Bioport" als postindustrielle Schnittstelle zu einer virtuellen Spielexistenz führt.

Hier kreuzt sich das Konzept der Virtuellen Realität mit dem Simulakrum-Begriff der französischen Philosophen. Die Zeichen und Bilder verselbständigen sich gegenüber ihrem Signifikat, bis hin zur totalen Referenzlosigkeit. Und sie gewinnen ein Eigenleben. Der Dämon steigt aus dem Bildschirm und tritt dem Filmhelden leibhaft gegenüber, sei es in Chris Cunninghams Videoclip Come to Daddy oder in The Ring von Gore Verbinski. Und umgekehrt: Der Menschen betritt den virtuellen Raum des Mediums, als Cybernaut in Robert Longos Johnny Mnemonic, als Avatar in Tron und eXistenZ, als physischer Eindringling in David Cronenbergs Videodrom. Von einer durchlässigen Grenze zwischen Bildraum und Realraum berichten auch die Auschnitte aus Time Bandits, aus Contact und The Matrix. In Michel Gondrys Werbeclip Smirnoff dient sinnigerweise eine Wodkaflasche als Medium der Transzendenz.

Das Grundthema aller hier aufgeführten Filmbeispielen ist die Überschreitung von als unüberwindbar geltenden Grenzen, sei es in der Zeitreise oder im Eintritt aus der Körperschwere in den spirituellen Raum und in den Cyberspace.

 
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