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19.03.2010 08:06
#65
BURAQ UND DAS HAUZ-E SHAMSI. ODER: Was von den Träumen übrigbleibt.
Eine bewegliche Skulptur von Buraq schwimmt auf dem Wasser des Hauz, das Traumpferd kehrt zum Stausee zurück, dessen Inspiration es war...
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Eine schwarze Krähe sitzt auf einem weißen Stück Styropor, schwimmt auf den ruhigen Wassern eines Traums. Ein Eisberg, weit ab von den nördlichen Breiten, aber was sind die Breiten eines Traums?

In einer Nacht, zwölf Jahre nachdem er ein Prophet geworden war, ruhte sich Hazrat Mohammad in der Moschee in Mekka aus. Als der Morgen kam hatte er den wohl berühmtesten Klartraum der Geschichte geträumt. Er war von Mekka nach Jerusalem gereist und von dort in der Gesellschaft der Engel und Propheten in den siebten Himmel aufgestiegen, und er sah Gott. Ein geflügeltes Ross namens Buraq trug ihn in den Himmel und vor Sonnenaufgang zurück nach Mekka.

Der Prophet erschien Sultan Shams-ud-din Iltutmish von Delhi in einem Traum, sitzend auf einem Ross. Im Traum schlug Buraq mit seinem Huf auf die Erde auf und Wasser begann herauszufließen. Der Prophet sagte dem Sultan, dass er an der Stelle das Wasserbecken graben sollte, an der die Hufe des Pferdes die Erde berührt hatten. Als er am Morgen erwachte, fand der Sultan an der Stelle einen Hufabdruck, an der er Buraq auf den Boden treten gesehen hatte. Der Bau des Wasserreservoirs begann im Jahr 1229. Scheich Nizamuddin Auliya, der berühmte Heilige von Delhi, sagte einmal zu seinen Schülern, dass Iltutmish seinen Platz im Himmel nicht wegen all seiner Siege für den Islam sicher hat, sondern weil er das Hauz-e Shamsi für die Menschen von Delhi baute.

Sultan Alauddin Khalji entschlammte das Becken im Jahr 1311 und reinigte auch die zuführenden Wasserkanäle. Ebenso baute er einen Pavillon aus rotem Sandstein in der Mitte des Reservoirs. Über die Jahrhunderte verschlammte und schrumpfte das Sammelbecken, nun befindet sich der Pavillon am südwestlichen Rand des Hauz. Bis vor kurzem kamen umherziehende Händler auf Fahrrädern, die vom Transport ihrer Waren durch die heiße Sonne müde waren. Sie schliefen im Schatten des Pavillons, der von der Brise vom Wasser gekühlt wurde. Vielleicht träumten sie. Aber nicht mehr. Der Archaeological Survey of India hat hohe Zäune um das geschrumpfte Wasserbecken errichtet, und um den Pavillon herum. Damit wird der Zugang zum Wasser schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Das Hauz, einst berühmt für die Heilkräfte seines Wassers, füllt sich mit den unbehandelten Abwässern von Mehrauli. Im Sommer müssen die Menschen ihr Wasser in Tankwagen geliefert bekommen, selbst die Wohnhäuser direkt neben dem Hauz. Nur Vögel haben noch Zugang zum Teich, indem sie über den Zaun fliegen. Oder vereinzelte Stücke Styropor oder Plastik, getragen vom Wind.

Das Sammelbecken der Träume ist versandet.

Die Langeweile, schrieb Walter Benjamin, ist der Traumvogel, der das Ei der Erfahrung ausbrütet. Stellen Sie sich das Hauz-e Shamsi nur eine oder zwei Generationen zurück vor, Menschen sitzen stundenlang im Schatten des Pavillons oder im nahe gelegenen Jahaz Mahal – sie dösen und träumen, schauen den Vögeln beim Fischen zu, gehen hin und wieder schwimmen. Spricht man mit den alten Menschen, werden sie einem erzählen, wie sich die Farben des Wassers dessen, was sie den Talab, den Teich, nennen mit den Veränderungen in der Mahaul, der Stimmung und Atmosphäre, änderte. Um die feinen Farbveränderungen auf der Oberfläche eines Sees zu erkennen, benötigt man eine Form von Aufmerksamkeit, und eine Beziehung zu Zeit, die nahe an extremer Langeweile ist. Aber kann Verehrung, die tiefe Liebe zu einem Ort um seiner selbst, jemals ohne Träumerei möglich sein?

Auf den Wassern des Hauz wird eine mobile Skulptur von Buraq gleiten, das Traumpferd kehrt zu dem Wasserbecken zurück, das es inspiriert hat. Besucher können per Telefon und Internet mit Buraq interagieren, sie können die Skulptur mit ihren Stimmen bewegen. Eine Webcam nimmt das Sammlebecken in einem weiteren Winkel auf, während der geflügelte Buraq zwischen den Enten und Eisvögeln und schwimmenden Krähen des Teiches umhergleitet. Buraq wird die Zäune durchbrechen, die das Hauz nun von den wahren Welten und Traumwelten von Mehrauli trennen; er wird Gespräche, Fragen, Erinnerungen und einen neuen Aufenthalt am Hauz-e Shamsi anregen, und damit einen neu-alten Platz für Träume schaffen.

 

XXX

 

Man ruft Buraq an und er/sie leuchtet im Dunkel, schwimmend auf dem Wasser des Sees. Ein geflügeltes Pferd mit Lichterketten, das inmitten des Schmutzes schwimmt. Je mehr man spricht, desto mehr Lichter leuchten und zeichnen die Umrisse eines vergessenen Traums nach. Vom anderen Ende der Welt (oder aus der gleichen Stadt, was häufig dasselbe ist), auf dem eigenen Laptop-Bildschirm, sieht man das Webcambild im Weitwinkelformat. Ein fester und surrealer Rahmen. Im Vordergrund ein spitzer Eisenzaun, der den See umschließt. Dahinter ein auf dem See schwimmendes Pferd, das beim Klang Ihrer Stimme hell leuchtet und das dunkle Wasser um es herum zu winzigen, tanzenden Flammen macht. Rechts im Bild befindet sich ein gewölbter Pavillon, der aus dem Wasser herausschaut und von hinten von hellen Mastleuchten stimmungsvoll beleuchtet wird. Die Nacht wurde von diesen Lichtern vertrieben, außer über den geschrumpften Wassern des Hauz-e Shamsi, wo das leuchtende Traumpferd schwimmt. Eine kleine dunkle Form fliegt durch das Bild. Vogel oder Fledermaus?

Auf einem Laptop-Display ist die Ansicht des Hauz zweidimensional, ein aus der Realität ausgeschnittener Rahmen. Die surreale Anwesenheit von Buraq punktiert den Rahmen jedoch, sie lässt die Tiefen der Geschichte hinein.

Darunter, nicht im Bild sichtbar, gehen drei kleine Mädchen vorbei, bewundern die Schönheit von Buraqs Nasenstecker, die Poesie strategisch platzierter LEDs, die im Dunkeln leuchten. Die Straße, auf der sie laufen, liegt einige Fuß über dem Wasserspiegel und immer noch beinahe zehn Fuß unter dem Spiegel des „Grabens“ um das Jahaz Mahal. Das Jahaz Mahal, auch genannt der Schiffspalast, wurde im 15. Jahrhundert gebaut und fand sich einst auf dem Wasserbecken, das nun von ihm weggeschrumpft ist. Der Reichtum des Reservoirs, sein Überfluss, war so groß, dass die Mughals einen unterirdischen Kanal durch einen Fels gruben, um den Überlauf des Sees zu einem Jharna, einer fallenden Quelle, zu machen, um die herum sie einen herrlichen Garten aus Becken, Pavillons und fließendem Wasser erbauten. Das durch den Jharna strömende Wasser wurde dann zu einem Naala, einem Strom, der für sämtliche mittelalterlichen Siedlungen südlich von Delhi wichtig war. Man kann seinem Verlauf immer noch folgen, er fließt an Lal Kot vorbei und kommt über den Satpuladamm nach Jahanpanah, fließt vorbei an Chiragh Dilli und Zamrudpur, vorbei an Kotla Mubarakpur und Nizamuddin, bis es die Yamuna erreicht. Natürlich ist der Strom nun ein stinkender Abwasserkanal, der die Abfälle von Delhi mit sich trägt, für die Bürger von Delhi ist er für den Großteil seines Verlaufs unsichtbar. Es beginnt alles mit Hauz-e Shamsi, wo der geschrumpfte, verschlammte Talab (Teich), wie er nun bekannt ist, zu einer Klärgrube für die in ihn fließenden unbehandelten Abwässer von Mehrauli geworden ist.

Die Urdu-Worte für Gabe und Abfall, fazal and fizool, entstammen dem gleichen arabischen Ursprung.

Die Kricket spielenden Kinder am Jahaz Mahal bemerken den Talab nur dann, wenn ihre Bälle in dessen dunkles Wasser fallen.

 

XXX

 

Wenn Wünsche Pferde wären, müsste man sie füttern.

Ein Traumpferd Wirklichkeit werden zu lassen ist eine surreale Erfahrung. Der metallcerarbeitende Betrieb in der Nachbarschaft, ganz in der Nähe des Hauz-e Shamsi, ist damit beschäftigt, die glänzenden Aluminiumgehäuse von Verdampfungskühlern herzustellen, während das Wetter für die Jahreszeit ungewöhnlich warm wird und einen langen, heißen Sommer erahnen lässt. Mitten in den kastenförmigen Stapeln aus Kühlgeräten erhebt sich plötzlich die elegante, weiß gestrichene Silhouette von Buraq, abstrahiert von Kalenderkunst, gleitend auf einem Paar Metallpontons wie sie auch für Tretboote verwendet werden. Mohammad Naseem, der leitende Handwerker bei Iram Duct Works, hat vorher noch nie an einer schwimmenden Skulptur gearbeitet, aber er arbeitet mit seinen herstellerischen Fähigkeiten spielerisch an der Aufgabe. Die Werkstatt teilt ihren Platz mit den geweißten Ruinen eines 800 Jahre alten Grabes.

Die Ergebnisse sind faszinierend. Als Buraq das erste Malzu einem Testlauf zum See gebracht wird, folgt eine gebannte Menge aus Kindern und Erwachsenen der Skulptur, während Buraq die wenigen hundert Meter von der Werkstatt zum See getragen wird. Die Menschen stehen an den Geländern, lassen ihre Kricket- und Badmintonspiele zurück, während das geflügelte Pferd seinen unwahrscheinlichen Aufenthalt auf dem See beginnt.

Was ist das? Was ist das? Was ist das?

Die Gespräche beginnen und sind noch nicht beendet. Einige der älteren Menschen erinnern sich an die Geschichte von Sultan Iltutmish (bzw. Altamash in den lokalen Sprachen Hindi/Urdu) und seinen Traum. Die Kinder kennen die Geschichte nicht. Aber in dem Gespräch, das Buraq zwischen dem Künstler und der Gruppe auslöst, verbreitet sich die Geschichte erneut und bleibt wieder einmal unvergessen. Das Traumpferd auf dem See zieht die Blicke auf sich wie ein Magnet. Das kann nicht echt sein, oder? Dieses wunderschöne, lebendige Ding, das auf unserem schmutzigen Gartenteich treibt? Die Menschen müssen spüren, das Buraq greifbar, echt ist. Ein kleiner Junge wirft einen Stein nach ihm. Ein realistisches, dumpfes metallisches Geräusch entsteht, aber einer von Buraqs Flügeln bricht. Ein Teenager beschließt, zu der Skulptur hinauszuschwimmen. Er berührt sie einmal und schwimmt zurück, strahlt auf Grund des Nervenkitzels sowohl der Übertretung als auch der Berührung.

Die Zäune bleiben, aber die Zäune sind kaputt.

Vishal muss im Hauz hin- und herschwimmen, um Dinge in Ordnung zu bringen, Reparaturen und Verbesserungen durchzuführen. Er schwimmt auf einem aufgepumpten Schlauch und paddelt mit Händen und Füßen. Er wird zum Messias der verlorenen Tennisbälle. Er muss jedes Mal, wenn er aus dem See herauskommt, in Dettol baden. Dies allein, der schmutzige Teil des künstlerischen Prozesses, zieht ein großes Publikum an; definiert den Begriff „Performancekunst“ neu. Junge Schüler der örtlichen Madrasa, alte einheimische Grundbesitzer, einheimische Hausfrauen auf ihren Morgen- und Abendspaziergängen, die Kricketspieler, die Ladenbesitzer, alle kommen in Scharen zu den Ufern des Sees. Buraq ist vertraut geworden und ist dennoch immer noch faszinierend fremd. Die Fragen ändern sich.


Seid ihr Studenten vom IIT?

Warum gibt es das? Warum gibt es das? Warum gibt es das?

Wenn alle Macken beseitigt und die Webcams für die Aufnahme bereit sind, werden Broschüren in Hindi verteilt.


Der neue Ruhm von Mehrauli. Im Shamsi Talab!

• Was ist das?

• Das ist Buraq. Buraq ist ein fantastisches Pferd, das durch den Himmel fliegt.


• Was macht es im Shamsi Talab?

• Nach einem Hinweis von Gott ließ der Kaiser Shamsuddin Altamash dieses Wasserbecken an genau der Stelle graben, an der er den Hufabdruck von Buraq fand. Dieser Stausee löste erstmalig Mehraulis Wasserprobleme. 800 Jahre später gleitet Buraq wieder auf diesem Teich, um die Menschen an die Bedeutung dieses Ortes zu erinnern.


• Was wird mit dieser Skulptur von Buraq passieren?

• Wir hoffen, dass die Skulptur den Ruhm von Shamsi Talab mehren wird. Dann hören wir vielleicht mit der Verschmutzung auf.

 

Sie können diesen fantastischen Buraq zwischen 18 und 20 Uhr anrufen.

Die Nummer: 9873562911.

Kommen Sie zum Ufer des Shamsi Talab und rufen Sie an.

Wenn Sie verbunden sind, so sprechen Sie laut und deutlich und sehen Sie das Wunder von Buraq!

 

Jeden Abend rufen über 30 Menschen an, während die Sonne untergeht und die Hitze nachlässt. Und Menschen kommen, um zu sehen, wie ihre Stimme Buraq auf dem See zum Glühen bringen kann. Männer bringen ihre Frauen mit. Väter bringen ihre Kinder und rufen an. Hey Buraq! Schau, Buraq bewegt sich! Menschen singen Lieder für Buraq. Das Projekt dehnt sich aus, es wächst. Ist das vielleicht eine lokale Radiosendung um das Hauz? Radio Buraq? Die Möglichkeiten sind grenzenlos. Es ist Magie. Ihre Stimme am Telefon durchbricht die Zäune rund um das Hauz und bringt Buraq zum Glühen. Ihre Stimme über Skype, vom anderen Ende der Welt, erreicht das Gleiche. Dies ist das erste Prinzip der Magie–Fernwirkung. Sie wirken auf Buraq ein. Buraq, der Zauber und Ehrfurcht zurück an einen desillusionierten Ort bringt, reagiert auf Sie. Egal ob Sie direkt neben dem Hauz stehen oder sich am anderen Ende der Welt befinden.

Nähere Einzelheiten zur Kontaktaufnahme mit Buraq finden Sie unter http://www.hauz-i-shamsi.in/

 

 
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