beam me up
editorial
beiträge
führungen
personen
endefr
login

19.03.2010 19:25
#66
Twitterneurons
Fünf kurze Mediationen auf
Beam Me Up/ #cloudrumble56
Zurück zur Startseite

• Damals als das Internet geboren wurde – erinnern Sie sich? Die blauen Bildschirme, das rauschende Piepsen des Modems, die Art und Weise, in der jedes Datenpixel zunächst verzerrt auf dem Bildschirm erschien bevor es einen Sinn ergab, die fehlerhaften Verbindungen – wir hatten eine Vision von Star Treks Scotty. Eines Tages würde es möglich sein hochgebeamt zu werden, die Umrisse unserer Körper schimmerten und wir fänden uns in einem Paralleluniversum namens Web. Es ist passiert – Avatare, Second Life, virtuelle Universen; und es ist nicht passiert – vieles in sozialen Netzwerken ist banal, vieles im Netz stützt sich noch auf Text und Stimme, einschließlich der Twitter-Streams, und obwohl soviel unseres Lebens online ist, leben wir doch immer noch in der natürlichen Realität. Aber für viele unter uns ist Google die linke Hirnhälfte und Live-Feeds sind Teil unseres eigenen Bewusstseinsstroms, wir träumen mehr in Daten und Pixeln als wir realisieren.

• Ein Twitter-Feed hebt einen nicht ins Gehirn des Internets; stellen Sie sich vor wie das wäre, eingeweiht zu sein in die Tweets, Gedanken und Beobachtungen jedes Netzbürgers auf dem Planeten, ständig, stellen Sie sich vor, sich nicht von diesem Online-Neuronennetzwerk trennen zu können. Twitterströme erlauben Ihnen aber die Bearbeitung des Internets, man kann so viele scheinbar beliebige Trends, Beobachtungen, Kricketspiele, Katastrophen und Kunstevents aufnehmen wie man aushalten kann. Es ist als würde man in einem winzigen Teil dieses gigantischen Neuronennetzwerks blättern und dem eigenen Gehirn so viele Gedanken und Bilder anderer Leute zuführen wie man es als angenehm empfindet. Das Tweeten eines laufenden Kunstevents erscheint unnatürlich; eine gezwungene Performance. Bis man darüber nachdenkt. Die Arbeit des Künstlers ist eine gemessene Reaktion auf das, was er um sich herum sieht, worauf er sich konzentriert: dann sind da die eigenen Tweets, die in 140 Zeichen einen winzigen Bruchteil der Arbeit und Ihrer Reaktion dazu festhalten. Dann ist da die Tweetcloud, wenn sich andere Leute einklinken. Aus Sicht des Betrachters ist dies der Tod der Passivität. Man kann nicht länger in die Galerie hinein- oder aus ihr herausspazieren, der Schaulustige bei der Installation sein, wenn man selbst ein winziger Teil des Werkes ist.

• Ich mag das #Hashtag. Auf Twitter ist es das Kürzel für alles, von einer Tradition – #followfriday – bis zu einem Ort – #sandiegofire – oder einer Erfahrung – #lasttoxicrelationship. Oder einen Kunstevent: #cloudrumble56. Mir gefällt die Annahme, dass man mit einem „#“ Ordnung in der Welt schaffen, Communities erstellen, eine Performance beginnen kann. Evokritizismus ist eine sich in der Literaturkritik entwickelnde Bewegung: die Theorie, dass Lesen und Kunst auf eine Art und Weise das Verhalten und das Gehirn verändern, dass dahinter ein evolutionärer Zweck steht. Kritik—von Kunst oder Literatur—scheint aufzunehmen, was der Autor zu tun versuchte, was die Motivation des Künstlers war. Aber vielleicht ist die wirklich interessante Frage die, was im Geist des Lesers, des Betrachters passiert? Denken wir wieder an Neuronennetzwerke: wenn 12 Personen eine Kunstperformance gleichzeitig twittern, wann werden ihre Gehirne in den gleichen Regionen aktiv während sie zuschauen und tweeten? Und wenn dies passiert: war es Ziel des Künstlers, diese Verbindungen, diese Synapsen, gleichzeitig anzuregen?

• Kann man eine Sinuskurve in Gefühlen ausdrücken? Wie lässt man sich auf wissenschaftliche Praxis ein? Abhishek Hazras Arbeit zur wissenschaftlichen Forschung im kolonialen Indien ist faszinierend, denn sie beleuchtet viele Dinge, die in den Lehrbüchern ausgelassen werden: es gibt immer einen Kontext, eine Geschichte hinter der offiziellen Geschichte. Hinter Sahas berühmten Ionisationsexperiment gibt es viele Geschichten. Die damaligen bengalischen Autoren mythologisierten eine davon: die Geschichte des Jungen vom Land aus Shaoratoli, der heranwuchs und Mitglied der Royal Society wurde. Es ist in den vielen Neuerzählungen eine wunderschöne Geschichte, die die Komplexität der Reise ausbügelt, Sahas Begegnungen mit den Briten und anglisierten Bengalen oder dem wissenschaftlichen Indien. Irgendwo in dieser Ionisationskammer, in der Saha seine Experimente durchführte, gab es keine Biografie oder Hintergrundgeschichte—nur die reinen negativ und positiv geladenen Partikel. Vielleicht ist auch diese Version nur ein weiterer Mythos.

• Twittern ist eine vergängliche Übung. Während unsere Neuronen als Antwort auf Hazras Arbeit aufleuchten, während die Tweets durch Twitter schießen, könnten sie die gleiche Lebensdauer haben wie die sorgfältig erhaltenen Daten, Arbeiten und Briefe, die Saha hinterließ. Es ist beruhigend, Geschichte als etwas zu betrachten, das dokumentiert werden kann; es ist weniger beruhigend wenn man bedenkt, wie viele Archive in Bibliotheken verschlossen und ungesehen bleiben. Oder wenn man die Selektivität betrachtet, mit der wir wissenschaftliche und persönliche Dokumente erhalten. Etwas wie die Saha-Gleichung scheint eine beruhigende Beständigkeit im Twittern der #cloudrumble56-Versprechen zu sein. Vielleicht wird Hazras Performance irgendwo da draußen erhalten bleiben, gemeinsam mit den Tweets. Vielleicht sterben sie aber auch wie so viele andere Meme auf Twitter. Die wahre Geschichte liegt, wie bei jeder Performance, darin, was in den relativ abgeschotteten neuralen Netzwerken des Geistes passiert, und ob man diese in ein größeres neurales Netzwerk einbringen kann, wie es vom Internet versprochen wird.

 
Kommentare zu diesem Beitrag