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27.04.2010 10:40
#67
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Der Kompass des Piratenkapitäns Jack Sparrow (Johnny Depp) in den Filmen „Piraten der Karibik“ ist ein Indiz für die Neubewertung des Verhältnisses zwischen Mensch und Welt mittels Instrumenten. Während Sparrows Kompass die Ambivalenz von Instrumenten massenmedial kommerzialisiert, zeigen die Arbeiten von Gupta und Vuksic die Wechselbeziehung zwischen Mensch, Umwelt und Instrument an. Der Mensch wird von seiner dominanten Stellung befreit, indem er zunächst die Instrumente von dem Zweck befreit, Mittel der Beherrschung von Natur und Kultur zu sein.
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Jack Sparrow Compass Replica - Master Replicas (Juni 2007) 

 Ein Kompass, der dahin zeigt, was man am meisten wünscht, bestimmt die Handlung in den Filmen Piraten der Karibik (2003, 2006, 2007). Das Gerät in den Händen des Piratenkapitäns Jack Sparrow (Johnny Depp) ist ein Indiz für die Neubewertung des Verhältnisses zwischen Mensch und Welt mittels Instrumenten. Im Fall der Piratenfilme aus den Walt Disney Studios dient der Kompass als Orientierungsmittel in den Landschaften der Psyche. Das erweist sich als eine konsequente Lesart der Kulturgeschichte des Geräts. Das Instrument, das vermutlich mit Hilfe von chinesischen Magiern auf die Welt gelangte und dann als „Findelkind“ von arabischen Nautikern aufgenommen und nach Europa geführt wurde, diente zunächst der räumlichen Orientierung.*

 Entdecker wie Christoph Kolumbus und Sebastian Cabot bestimmten ihren Kurs mit dem Gerät, das die Ausrichtung des Magnetfelds der Erde nach Nord-Süd nutzt. In Gebieten, von denen keine verlässlichen Karten existierten, erwies sich die magnetisierte Nadel der Kompass als „relativ“ verlässliches Navigationsmittel. Es gewährte Orientierung auch dann, wenn Regen oder Witterung den Blick auf den Himmel trübten. Man vertraute dem Gerät argwöhnisch und notgedrungen. Denn es zeigte nicht immer genau nach Norden oder Süden. Auch das Zeitalter der Aufklärung blieb gegenüber dem Kompass skeptisch, da die Funktionsweise des Gerätes nicht so verlässlich beschreibbar war, wie zum Beispiel die Umlaufbahnen der Planeten. Der Magnetismus der Erde entzog sich damals trotz zahlreicher akademischer Preisaufgaben und detaillierter Untersuchungen der mathematischen Darstellung. Erst im neunzehnten Jahrhundert erschloss man mathematisch das Verhalten des Magnetfelds der Erde und dessen Abhängigkeit von kosmischen Faktoren, wie zum Beispiel den Sonnenflecken.

 Die Geschichte des Kompasses dokumentiert, dass das Instrument der räumlichen Orientierung zeitliche Dimensionen besitzt, zugleich aber, dass Instrumente prinzipiell ambivalent produktiv sind. Die prinzipielle Ambivalenz des Kompasses wird in den Piraten der Karibik kommerziell genutzt. Sie kann als Projektion begriffen werden. Gemeint ist damit, dass Instrumente einmal das Verhältnis zwischen Subjekt und Welt verändern, dann aber auch das Verhältnis des Subjekts zu sich selbst. Die Geschichte des Kompasses ist unter diesem Aspekt als zunehmende Kalibrierung lesbar von Wahrnehmung, Instrument und Theoriebildung; zugleich aber als auch eine Geschichte der Umdeutungen und Erkundungen des menschlichen Selbstverständnisses. So überlegt der englische Physiker Michael Faraday, dass menschliche Körper bei geeigneter Aufhängung sich nach dem Magnetfeld der Erde ausrichten können oder quer dazu. Der amerikanische Dichter Ezra Pound überträgt den Gedanken menschlicher Richtungsweiser in den Bereich der Kunsttheorie, wenn er Künstler als Sensoren oder Antennen für kulturelle Veränderungen begreift. Diese Argumente aus der Geschichte des Magnetismus lassen sich durch Bezüge zu anderen Bereichen ergänzen. So setzen die „Automatenstudien“ von Claude Shannon und John McCarthy mit Analogien zwischen technischen Erfindungen und dem menschlichen Denken ein.

 

Subodh Gupta: Very hungry god, stainless steel structure and utensils, 360 x 280 x 330 cm, 2006, installation view at Church Sait-Bernard, courtesy in situ Fabienne Leclerc, Paris, Photo: Marc Domage

 Der Piratenkompass ist kongruent dazu konzipiert. Er ist ein Display, das Jack Sparrow mitteilt, was er begehrt. Denn er weiss es ohne das Gerät nicht selbst. Insofern unterstützt ihn der Kompass bei der Selbstbestimmung. Die wird allerdings als Feedbackprozess definiert und nicht als Entdeckung von statischen Werten, Traditionen oder Kompetenzen. Der Schauspieler Johnny Depp ist für die Darstellung des instrumentellen Opportunismus besser als andere Schauspieler geeignet, die Werte wie Freiheit, Rechtsbewusstsein oder Heilserwartungen zur Profilierung nutzten. Die Freiheit, die er suggeriert, ist zwar in ihrer Abhängigkeit von dem Merchandising der Filmindustrie und den Angeboten der Walt Disney Themenparks, trügerisch. Gleichwohl trifft sie sich mit avancierten philosophischen und ästhetischen Konzepten. Depps fluider, Opportunismus, den bereits Filmen wie Dead Man (1995) oder Edward mit den Scherenhänden (1990) als sein Attribut präpariert haben, ist verwandt mit der Entsubstanzialisierung des menschlichen Subjekts in der zeitgenössischen Kunst, z.B. in der Skulptur Very hungry God des Inders Subodh Gupta aus dem Jahr 2006. Die Skulptur besteht aus rostfreien blinkenden Blecheimern, die zu einem über drei Meter Schädel zusammengesetzt worden sind. Die Eimer, in denen sich nichts befindet, rufen die Geschichte des Schöpfens und Speicherns auf. Zugleich stellt der Very hungry God die Vorstellung des menschlichen Kopfes als Behälter und Speicher in Frage, da die Eimer gähnend leer sind.

 

Subodh Gupta: The Stainless Steel Bucket, 2008,
courtesy Subodh Gupta
 

Guptas Skulpturen verwenden Werkzeuge aus dem indischen Alltag, die traditionell auch Attribute von Göttern sind. Als solche dienen sie der spirituellen Orientierung. Seine Skulpturen verweisen auf die Ambivalenz von Instrumenten, die das Verhältnis des Menschen zur Umwelt, aber auch zu seiner Binnenwelt strukturieren. Diese Binnenwelt wird in Traditionen der indischen Kultur als Durchgangsstation gedacht. Die künstlerische Thematisierung von Werkzeugen und alltäglichen Mitteln in Guptas Skulpturen ist skulptural und damit visuell-räumlich. Doch sie kann auch zeitbasiert sein und sich primär an die Ohren, anstatt an die Augen wenden.

      

Valentina Vuksic: Harddisko, 2004 (www.harddisko.ch)
>> Video

 Akustisch-zeitlich inszeniert Valentina Vuksic die Festplatten von Computern in Harddisko. 2004 präsentierte die Künstlerin erstmals unter diesem Titel ein Set von Computerfestplatten, die in unterschiedlichen Abständen Strom erhalten und zu arbeiten beginnen. Die Rhythmik und Tonalität der Festplatten gibt den Betrachtern und Zuhörern Rätsel auf, da der Klang strukturiert erscheint, also eine Ordnung andeutet, die sich nicht sofort erschliesst. Der Computer wird so als ein geordnetes, aber fremdes System erfahrbar, das Staunen weckt wie in archaischen Zeiten die kosmische Ordnung der Himmelskörper. Er ist aus seinem Gehäuse geschält worden, so dass Festplatte und Lesearm sichtbar sind. Damit werden die Projektionen entkernt, die mit dem Computer verknüpft sind. Er wird erfahrbar als sich autonom bewegende Entität, er wirkt als Objekt, ohne dass klar ist, wie er sich zu welchem Zweck bewegt. Für einen Augenblick sind die Zugriffe der Kalkulation auf unsere Welt, aber auch die rechnenden Beobachtungen in unseren Köpfen suspendiert durch die Attraktion des Geräts, das sich von selbst zu bewegen scheint.

Die Künstlerin experimentiert in Tripping Through Runtime (2009, www.vimeo.com/4105144) mit Mikrophonen, die magnetische Felder hörbar machen, die in heutigen Computern zum Speichern und Löschen von Daten notwendig sind. Künstlerische Explorationen dieser Art sensibilisieren für mögliche Subversionen des Verhältnisses von Mensch und Natur. Der künstlerischen Erkundung von Instrumenten kann dabei eine Schlüsselstellung zukommen. Denn in Instrumenten haben sich kulturelle Praxen, aber auch Naturgesetze verdichtet, die den Horizont eines einzelnen Subjekts oder einer Kultur erweitern, wenn sie expliziert werden, zum Beispiel durch geschichtliche Rekonstruktionen oder durch künstlerische Erkundungen. Dabei werden Instrumente zu Zeigern unabhängig von den Zwecken ihrer üblichen Verwendung. Sie weisen darauf hin, was die Geschichte des Gebrauchs von Instrumenten und Maschinen in diese eingefaltet ist. Als Mittel, die nicht dem Zweck- und Nutzendenken unterworfen sind,  zeigen sie Möglichkeiten veränderter Subjektivität an. Im Unterschied zum Piratenkompass von Jack Sparrow, der die Ambivalenz von Instrumenten massenmedial kommerzialisiert, zeigen „reine Mittel“ die  Wechselbeziehung zwischen Mensch, Umwelt und Instrument an, in der der Mensch von seiner dominanten Stellung befreit wird, indem er zunächst die Instrumente von dem Zweck befreit, Mittel der Beherrschung von Natur und Kultur zu sein.

 

* In : Magnetismus – Eine Geschichte der Orientierung. München: Fink, 2010 führe ich das detailliert aus.

 

 


 
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