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09.05.2010 19:45
#69
AUF DER SUCHE NACH #CLOUDRUMBLE56  en allemand/anglais
Abhishek Hazra und die Flüchtigkeit der Erinnerung
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Einige Wochen nach Abhishek Hazras Twitter-Art/Performance in Delhi führt Marina Abramovic im MOMA The Artist is Present auf. In ihren Jahrzehnten als Performancekünstlerin hat Abramovic ihren Körper als angreifbare Fläche verwendet, das Publikum zum Angreifen eingeladen. Der Körper dient als Kunstwerk, als Handwerkszeug des Künstlers, die Grenzen verschiebt Abramovic immer weiter. Nun sitzt sie beinahe regungslos, während das Publikum einer nach dem anderen auf sie zukommt, den Stuhl ihr gegenüber einnimmt und in ihr Gesicht blickt.

Im Verlauf der Performance ändert diese ihre Form und funktioniert nach neuen Regeln, macht neue Entdeckungen. Sie wird über die Tage von einem Aufnahmerausch begleitet. Es gibt Fotogalerien derjenigen, die ihr gegenüber saßen. Viele haben auf den Bildern Tränen in den Augen, ihre Emotionen unhaltbar, selbst in diesem öffentlichsten aller öffentlichen Räume. Es gibt Aufnahmen. Es gibt Reportagen. So geschieht es mit den bewegensten Kunstwerken, den bedeutendsten Momenten unseres Lebens: selbst während wir Zeuge sind und miterleben, sorgt der Antrieb zum Festhalten für eine dem 21. Jahrhundert eigene Angst.

In einem gemütlichen Büro, dessen Wände sich kurz in eine Galerie für Hazras durch die Physik inspirierte Zeichnungen verwandelten, ist der Künstler umgeben von einem Kreis aus Laptops. Dies wird von uns live getweetet und damit erhält diese Performancekunst eine zweite Performancestufe. Wenn es funktioniert, wird es eventuell das schaffen, was Performancekunst auch manchmal schaffen soll – die vierte Wand einreißen, das Publikum zum integralen Bestandteil der Performance machen. Dann ist da noch der technologische Aspekt: #cloudrumble56 könnte zu einem Trend auf Twitter werden. Außerdem ist es attraktiv, Technologie einzusetzen, um eine Performance über die Geschichte der Wissenschaft festzuhalten bzw. analysieren.

Und dann ist da noch die Ironie, die hochkomprimierte, verkürzte Sprache von Twitter – 140 Zeichen sind das Maximum – in Echtzeit zu verwenden, über eine Performance zu twittern, bei der es auch im großen Maß um den Abbau und die Vergeblichkeit von Sprache geht. Zu verschiedenen Zeitpunkten bietet Hazra Fragmente: von Gedanken, von Auszügen der Vorträge Sahas, von Erklärungen einer Ionisationskammer, vereinzelte Phrasen, Referenzen zu Kaste oder lokaler Identität – „Sahas sind keine Boddhis“ – in seiner wohlüberlegten Demontage der Geschichte und Erfolgsgeschichte einer von Indiens Wissenschaftsikonen.

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Beinahe zwei Monate nach der Performance suche ich im Netz nach ihren Spuren. Ich war schon einmal hier, in den frühen, wegweisenden Jahren des World Wide Web, als man es noch die „Datenautobahn“ nannte. Vor etwa zwei Jahrzehnten waren unsere Erwartungen an das Netzgedächtnis naiv und voller Ehrfurcht. Alles ließ sich archivieren; alles konnte erhalten werden. Google Cache schien dies unvermeidbar zu machen; Spycams und einfaches Hochladen und Google Maps ließen alles unlöschbar, zugänglich, unbegrenzt verfügbar erscheinen.

Das ist nicht wahr, wie wir heute wissen. Seit Mitte der 1990er Jahre gibt es Ghost Sites. Verlassene Webseiten und Usenet-Gruppendiskussionen, die niemand länger besuchte oder auf die niemand mehr zugriff, schwebten durch den Cyberspace wie schiffbrüchige Wracks, sanken in aller Stille auf den Grund des Informationsozeans. E-Zines so groß und anscheinend unzerstörbar wie Feed verschwanden; der Cache bleibt, aber mit dem Schwinden der Erinnerung einer Generation werden selbst die Caches immer seltener besucht. Über sie wächst virtuelles Moos. Diejenigen, die von den Leben ihrer Avatare in Second Life und anderen virtuellen Welten vollkommen begeistert waren, ziehen weiter, wenn die Seiten Probleme haben oder schließen. Sie erstellen neue Rollen und neue Avatare, manchmal plündern sie ihr altes Ich, manchmal lassen sie es ganz fallen. An diesem Prozess ist wenig neu; es ist die Art und Weise, in der wir auch Leben in der natürlichen Realität führen.

#cloudrumble56 befindet sich immer noch in meinem Twitter-Feed und immer noch irgendwo im Twitterspace—der Gegenpol zur integrierten Kurzlebigkeit von Twitter liegt in einer Institution der alten Welt, der Bibliothek. Die Archive der Library of Congress werden Tweets geduldig als durchsuchbares Archiv speichern: die Plappermäuler des Internets, erhalten für die Nachwelt. Bis ich meinen persönlichen Cache für #cloudrumble56 finde bekomme ich Fehlermeldungen.


Hashtag not found.

Try a more general search.

Try using different words.

Ich kann meine eigenen Tweets in meinem eigenen Twitter-Feed finden. Allerdings sind sie von der Herde abgeschnitten, treiben im Solipsismus und machen ohne die Kommentare der Anderen, die an diesem Tag mit mir Laptop-Platz teilten, nur wenig Sinn. Den Cache zu finden, in dem die Tweets aller gespeichert sind, ausgenommen der beiden, die versehentlich „clourdrumble56“ eingaben und damit eine Loge für Zwei schufen, einen privilegierten Performanceraum ganz für sich alleine, führt zu einer überraschenden, unerwarteten Woge voller Glück. Die Erleichterung nicht mehr auf sich allein gestellt, der alleinige Betrachter, der einzige Zeuge/Teilnehmer zu sein.

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Wer jemals Rollenspiele gespielt hat kennt die Gabelung in der Straße, den Punkt, an dem man mehrere Wahlmöglichkeiten hat und entweder als fahrender Ritter weitermachen oder wählt, ein Upgrade zum Ninjakriegsherr siebten Ranges durchzuführen, wo man das neu erfundene Technoclubhaus der Baba Yaga besuchen kann oder einen U-Bahnhof aus dem Tokio der späten 1950er Jahre.

Ich könnte nun den Inhalt von Abhishek Hazras Performance besprechen, die mit dem Leben eines Wissenschaftlers zu tun hat, der aus einem Dorf in der Nähe von Dhake stammte, ein Junge mit einem Stipendium, der sich mit seiner Arbeit zur thermischen Ionisation der Elemente einen Namen machte.

Ich könnte diskutieren, wie diese Performance sich vor den Konventionen von Performancekunst verbeugt, indem sie mit dem Körper des Künstlers beginnt – gekleidet in Schichten aus Trikots, Sweatshirts, T-Shirts, die er mit Scheren zerschneiden oder verstümmeln oder abwerfen wird, während er die Schichten langsam entfernt.

Oder die vielen Arten besprechen, in denen er unsere Erwartungen und Ansichten darüber untergräbt, was Kunst ausmacht, indem er ganz bewusst Bedeutungsebenen schafft und entfernt, indem er Sprache bricht, mit seiner Verwendung von Headsets und Dosenkäse, die die üblichen technischen Tropen durchtrennen. Er bleibt konform mit den meisten seiner Arbeiten, die eine Faszination mit den verborgenen Geschichten hinter der Wissenschaft zeigen, und die von seinem beeindruckenden Wissen auf dem Gebiet untermauert werden. Aber darum soll es in diesem Essay nicht gehen und es gibt bessere Kritiker für Hazras Kunst und Arbeit als mich, denen man sich zu diesem Thema zuwenden könnte.

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Das Twittern einer Live-Performance ist sowohl anregend als auch ablenkend. Für uns, die wir im Raum sind, entwickelt sich vor der Performance das Gefühl einer Verbundenheit miteinander – Studenten, Kunstliebhaber, Neugierige – während wir uns unterhalten und nach Schokoladenéclairs greifen, unsere Laptops auf den bereitstehenden Tischen einrichten, prüfen, ob wir auch eine gute Sicht auf den Künstler haben.

Mit Beginn der Performance ziehen wir uns voneinander zurück, werden von unseren Tastaturen eingenommen, schauen nur auf oder kommunizieren, wenn wir Hashtags teilen oder gelegentlich einmal eine Bemerkung machen. Dies ist ein höfliches Publikum und keiner unterbricht mit einer eigenen Performance, keiner unterbricht den Künstler. Diejenigen unter uns, die blind tippen können, haben einen Vorteil, aber es ist interessant anzusehen, wie die meisten von uns, während sie effektiv isoliert twittern, sofort mit der Beschreibung beginnen: er zieht sein Sweatshirt aus, er hat eine Schere in der Hand, er schreit, er ist zu meinem Stuhl gekommen, er teilt eine Broschüre aus, wir nehmen Bissen von einem Tablett mit „Käse“, das überhaupt nicht für „Käse“ steht, wir schauen zu und befürchten, dass wir etwas verpassen könnten.

Etwa zwanzig Minuten in die Performance hinein kann man Abnutzungserscheinungen im Twitterzeitstrahl sehen, weil die Menschen die Beschreibung aufgeben: vielleicht ist es zu ermüdend, vielleicht beginnen wir zu erkennen, wie sinnlos die Beschreibung einer Performance ist, in die man, wie in jegliche Performancekunst, wirklich vertieft sein muss. Vielleicht zeigt sich an dieser Stelle auch die Frustration, die mit dem Versuch, Performancekunst live über Twitter zu erfassen, einher geht: je genauer man die Performance erfasst, je mehr Aufmerksamkeit man der Struktur seiner Tweets schenkt, desto weniger ist man Zeuge der Performance, desto weniger erlebt man sie.

Wenn man die Kurve von Hazras Performance auf einem Tweet-Monitor zeichnete, so sind es die Sekunden gemeinsamer Stille, die halbe Minute des Nichts, in denen innerhalb des Raumes etwas passierte, als wir am meisten beschäftigt waren – zu beschäftigt für Twitter.

Auf einigen der von mir verwendeten Twitter-Clients ist #cloudrumble56 noch am Leben, noch zugänglich. Unter den Menschen, die sich an diesem Tag im Publikum befanden, waren einige Twitter-Neulinge—sie betraten dieses riesige Sprechzimmer ohne jegliche Vorbereitung. (Dies fördert Solipsismus: wenn man nicht weiß, dass man anderen Menschen auf Twitter folgen kann und einem niemand folgt, kann man sich, wenn man sich dafür entscheidet, den ganzen Tag mit sich selbst unterhalten.) Einige haben sich für die Twitter-Performance separate Konten angelegt; ich nicht, und während ich twittere erhalte ich verwunderte Direktnachrichten, die nach Abhishek Hazras Twitter-Performance suchen – die Annahme ist, dass es sich bei #cloudrumble56 um das Kunstevent selbst handelt und nicht um den Twitter-Feed über das Kunstevent. Ich teile das der neben mir sitzenden Person mit und wir geben beide zu, dass wir Twitter-Performancekunst erwartet hatten—uns war nicht klar, dass wir die Twitter-Performancekunst sind.

Wochen später wird mir klar, dass Twitter der perfekte Client für Performancekunst ist. Jede andere Art eine Performance online festzuhalten—per Videoaufnahme oder indem man darüber schreibt, so wie ich das gerade tue—bietet eine Bestätigung von Dauerhaftigkeit. Aber egal wie sehr Autoren und Fotografen versuchen werden Abramovics Performance in New York festzuhalten, wie lebendig Ihre Beschreibungen eines radikalen Performancestücks im Devi in Delhi oder im Theaterdistrikt in Tokio auch sein mögen, die Wahrheit ist, dass das, was zwischen Publikum und Künstler, Performer und Zeuge — oder Co-Performer — passiert, privat ist.

Es erscheint richtig, dass #cloudrumble56 sich versprengen wird, wie dies die Ionen in einer Ionisationskammer nach dem Experiment tun oder wie wir dies nach der Performance tun. Es erscheint richtig, dass die Twitter-Spuren schwinden werden, heruntergeschubst in der Liste der aktuellen Trendthemen, während sich die täglichen Ladungen Nachrichten und Meinungen und Witze (und Kunst) darüber legen. Den perfekten Cache gibt es nicht, weder im Gedächtnis noch in der Kunst. Es gibt kein perfektes Festhalten oder perfektes Hervorrufen eines Kunstereignisses; worauf Livetweets einen unerbittlich zurückwerfen, ist die Performance selbst.

Ich schaue auf die #cloudrumble56 Tweets, auf diese Fragmente von Aussage, Reaktion, Wertschätzung, Verwirrung, Engagement, Langeweile. Die gesammelten Tweets, selbst die der beiden, die das falsche Hashtag hatten, sind eine rührende Art und Weise, mit den schonungslosen Mitteln der Sprache zu versuchen, das einzufangen, was hinter Sprache liegt. Man sieht auch Emotion, plötzliches Verständnis, Querverweise auf andere Webseiten, die auf Saha oder Performancekunst oder Wissenschaft oder Elektronen verweisen. Gefangen in diesem fragilen Netz ist eine halb übertragene, unvollständig geäußerte Erfahrung; als ob man in den Geist eines Lesers marschiert während er/sie liest und einen Blick aus dem Logenplatz wirft. Das ist die Richtung, in die sich eine zeitgenössische Kritikerschule bewegt: in den Geist des Lesers bzw. Betrachters einer Performance, in die Gedanken und Erfahrungen des Nutzers. So wird jegliche Art von Kunst, nicht nur Performancekunst, zu etwas nicht passiven, nicht erlittenem – sondern zu etwas selbst geschaffenen und umgewandelten, auch durch die Sichtweisen, die man einzubringen wählt.

Eine letzte Sache bleibt noch zu tun. Wenn ich es tue, wird es keine Auswirkungen haben: das Versprechen des Internets ist, dass es ein Backup gibt, irgendwo, einen Cache, egal wie versteckt oder unzugänglich, eine Institution, die, wie die Library of Congress, den größten Luxus bieten wird, den wir als Menschen haben – die Beständigkeit der Erinnerung.

Es entsteht keinerlei Schaden, wenn man die folgende Frage mit ja beantwortet:

„Cache löschen: J/N?“

Ich habe meine Notizen und meine Erinnerungen, ich werde den Cache von #cloudrumble56 nicht länger benötigen – er ist genauso nützlich wie eine alte Kinokarte. Aber mein Finger zögert und landet schließlich auf Nein. Etwas in mir will, wie diejenigen, die Fotos der Performance von Abramovic machen, daran glauben, dass es die Möglichkeit eines auf ewig gibt.

 

 
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